von: am 4. Dezember 2016

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Bahnhöfe

Ich mag Bahnhöfe.

Das Kommen und Gehen.

Die Hektik und das Warten.

Das Kaufen und Verkaufen.

Der Luxus und die Armut.

Das Ein- und Ausfahren der Züge.

Das Ankommen und Abfahren.

Manchmal, wenn ich eine Stadt erkunde, gehe ich an den Bahnhof. Und das nicht, weil ich irgendwo hinfahren will, sondern weil man hier wie nirgends sonst den Puls einer Stadt fühlt.

Der Frankfurter Bahnhof, oberirdisch mondänes Mainhattan, unterirdisch Fixertreffpunkt.

Der neu eröffnete Berliner Bahnhof auf drei Etagen mit der völlig verwaisten U-Bahn-Station zum Reichstag, frei nach dem Motto: politisch gewünscht, aber ist Bedarf da.

Der Bahnhof von Bonn, der wegen einer Bombendrohung gesperrt ist. Hier im ehemaligen politischen Zentrum kommt die aktuelle politische Lage ganz nah.

Der Bahnhof von Zürich, in dem einen als Ausländer die Preise fast erschlagen.

Der piekfeine unterirdische Bahnhof in Kopenhagen, aufgeräumt wie die ganze Stadt, natürlich mit tausenden von Radstellplätzen davor und – wie es sich für einen Wohlfahrtsstaat gehört – kostenlose Toiletten.

Der Bahnhof von Straßburg mit Nahverkehrs-Zielen in drei Ländern, Knotenpunkt des vereinigten Europas.

Die heiße, stickige Bahnhofshalle in einem kleinen Ort auf Korsika, wo man vergeblich den Deckenventilator sucht.

Der Bahnhof von Edinburgh, in dem man erstmal Gratiszeitschriften bekommt, um der britischen Boulevard-Liebe zu frönen.

Der Bahnhof von Reykjavik, den gibt es nicht, zu klein und unwirtlich ist die Insel. Man weicht auf Busse und Flugzeuge aus.

Der kleine Bahnhof in irgendeinem Ort, der als letzter Anschluss an die Welt gilt und doch in seinem Bestand bedroht ist.

Ganz unterschiedliche Bahnhöfe, ganz unterschiedliche Welten und Geschichten.

Und doch ist eines jedem Bahnhof gleich:

Die Freude der Menschen, die sich am Bahnsteig beim Wiedersehen in die Arme fallen.

Autor: Nadine Schmid